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Karin Schleese: Unfreiwilige Anlaufstelle für alle Verrückten, Unentschlossenen und Psychos
23.03.2014 18:17

Wenn ich so in den Spiegel schaue, dann habe ich nicht viel Spektakuläres vor mir: zwei blaue Kulleraugen, Zähne die einen Tikken zu groß sind und etwas mehr her machen könnten und Haare, die meistens den Eindruck machen, sie hätten wenig erfolgreich gegen ein Stachelschwein gekämpft. Also eher harmlos das Ganze. Und doch scheine ich etwas an mir zu haben, dass alle die Menschen anzieht, deren Kontakt man grundsätzlich meidet.

Wo ich mich auch befinde, immer werde ich um Auskunft gebeten: „Entschuldigung, welche Haltestelle muss ich aussteigen? …, Wie spät ist es? …, Wo steht die Milch? …. Kennen sie sich hier aus?.., Könnten sie mich bei Station so und so wecken?.. Ich wühle mich bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus durch die Kleinteile und werde prompt nach dem Preis für einen Strohelch gefragt. Suche ich nach einem Kleidungsstück, kommen Frauen und möchten von mir wissen, ob es diesen Pulli, die Hose oder was auch immer noch in einer anderen Größe gibt. Während ich mir im Restaurant einen Platz suche, winken die Leute, um bei mir eine Bestellung aufzugeben. O.o ???Leider nützt es in keiner dieser Situationen sich taub, dumm oder tot zu stellen. Ich hab's mehrfach probiert. Knapp gefasst: Mein Gesicht muss den direkten Vergleich mit einem Informationsschalter anscheinend keinesfalls scheuen.

Versteht mich nicht falsch, ich kenne da meine Schwachstelle und daher meide ich schon in weiser Voraussicht die Menschen in der Bahn, die in eine Diskussion vertieft sind, obwohl nachweislich weder jemand gegenüber noch nebenan sitzt. Im Gegensatz dazu finden mich diese Irren aber zielstrebig. Vor ein paar Wochen kam ein älterer Herr in der (vollen!!!) Bahn auf mich zu und meinte: „Du siehst aus, wie die heilige Sybille, sicher kannst du die Zukunft vorhersagen…“ Allen sei gesagt, weder sehe ich so aus, noch habe ich dieses Talent. Nur fürs nächste Mal.

Kürzlich gehe ich strahlend und gut gelaunt wie immer auf dem Weg zur Arbeit, da kommt ein Mann mit quietschgelber Jacke auf mich zu, haut mir im Vorbeigehen den Ellenbogen in die Seite und geht weiter. AUA!!! Eigentlich hätte ich ihm doch eine reinhauen müssen, für die Wahl seiner Kleider und nicht umgekehrt. Einige Tage später an fast der gleichen Stelle, kommt ein Kerl auf mich zu, so Typ kanadischer Holzfäller ( na ihr wisst schon- groß, bärtig, respekteinflößend), nimmt meinen Arm, beugt sich runter und küsst mich auf die Wange: „Na meine Kleine, wie geht es dir?“ Ich sag:„Prima, aber wir kennen uns doch gar nicht …“, und er: „Das weiß ich, aber ich wollte einfach gern wissen, wie es dir geht.“ Sprach‘s und ging fröhlich seiner Wege, während ich völlig verdattert zurückblieb.

Und das meine lieben Mitleidenden war einer der wenigen Momente in meinem Leben, in denen ich tatsächlich mal sprachlos war. Merkt es euch, oft passiert es nicht.

Mein Highlight ist allerdings ein anderes: Eines Abends stand ich im Kino vor dem Treppenaufgang und wartete auf meine Freundin, die zur Toilette war. Da kamen zwei Leute nervös auf mich zu, zeigten mir ihre Eintrittskarten und fragen mich, ob ich sie wieder in den Kinosaal lasse, sie hätten doch bezahlt.

 Mit meinen barbarischen 1,58 m muss ich als potenzieller Rausschmeißer ja einen unbändigen Eindruck hinterlassen… Das wird dann mein zweites Standbein, falls die erwarteten Millionen beim Seifenvertrieb ausbleiben.

Fazit des Tages: Je harmloser du selber daherkommst, desto anziehender finden dich die Bekloppten.

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