13
M
Vorurteilsfrei
13.03.2016 08:37

                                                                      Vorurteilsfrei

 

Es gibt Tage, da wünscht man sich eine Gruppe Menschen, die selbstlos eine Schweigeminute für einen einlegen. Dieser gehört definitiv dazu. Gerade eben habe ich die einsamsten 20 Minuten meines Lebens überstanden. Am Informationsschalter im Baummarkt.                                                                                                           Davor bin ich durch proportional so grell ausgeleuchtete, wie schlecht beschriebene Gänge geirrt, in denen zwei dritter aller Artikel so hoch liegen, dass ich nicht mal in meinen kühnsten Träumen damit rechnen würde, dort ranzukommen. In Reichweite hingegen stehen alle Waren, die so schwer sind, dass ich meinen eigenen Gabelstapler bräuchte, um sie vom Fleck zu bewegen.

Nun stehe ich also immer noch hier und trotze der Zermürbungstaktik. Alle meine Mitstreiter haben sich brechen lassen und irren weiter durch die endlosen Gänge. Manchmal höre ich ihr verzweifeltes Rufen. Ich bilde mir ein, einen leichten Wind zu spüren und wie im Western erwarte ich einen Steppenläufer vorbeirollen. Ich hätte Proviant mitbringen sollen. Passend zur Situation entwickelt mein Körper ausgerechnet jetzt eine Konfirmandenblase, allein weil er weiß, dass das nächste Klo gefühlte Meilen entfernt ist.

Das ist wie in den zwei Stunden nach der Betäubung vom Zahnarzt, in denen man nichts essen darf. Solchen Hunger erlebt ein verwöhnter Europäer in seinen Leben niemals sonst.

Plötzlich ein Rascheln und Huschen schräg hinter mir, ein kaum wahrnehmbarer Schatten in meinen Augenwinkeln. Meine Nackenhaare stellen sich auf, alles kribbelt. Ja, ich werde beobachtet. Sicher hat ein Mitarbeiter sein Handy hinter dem Tresen liegen lassen und möchte nun in seinen „Bau“ flüchten, um es zu holen. Nun, denke ich mir, ist es an der Zeit zum Jäger zu werden. Mein Herzschlag beschleunigt sich, das Adrenalin rauscht in meinen Ohren und sämtliche Urinstinkte werden aktiviert. Schleichend bewege ich mich auf den Gang zu, in dem ich das Geräusch vermute, biege kurz zuvor ab und drücke mich gegen die Wand. Leise lege ich mein Ohr an eine mitteldichte Faserplatte und lausche!! Hinter dem Regal ein flaches schnelles Atmen. Jetzt nur keinen Fehler machen. Sicherheitshalber ziehe ich meine Schuhe aus und schleiche mich Schritt für Schritt auf Zehenspitzen um die Ecke, um dann den direkten Angriff zu wagen.

Mit drei schnellen Schritten hechte ich um das Regal, mit einem animalischen Aufschrei presche ich nach vorn und verpasse dem Verkäufer den Schock seines Lebens. Hektisch blickt er sich um, sieht aber ein, dass der Fluchtweg verstellt ist. Um nicht unnötige Zeit zu vergeuden, zücke ich meinen Zettel und bombardiere ihn mit Fragen. Plötzlich ändert sich sein verängstigter Gesichtsausdruck. Ein süffisantes Lächeln umspielt sein Gesicht. Irgendetwas läuft hier gerade gewaltig schief. „Tut mir leid, junge Dame, dit is nich meene Abteilung“ gibt er nölend von sich. Jetzt wo er wieder Oberwasser hat, will er sich verdrücken. Ha! Aber nicht mit mir! Einmal gestelltes Wild kann man doch nicht ziehen lassen! Drohend baue ich mich vor ihm auf, setze alles ein, was ich an Autorität hervorzaubern kann, ohne auch nur den geringsten Eindruck zu hinterlassen. Er lächelt blöde auf mich runter und geht an mir vorbei. Niederlage auf der ganzen Linie, mein Adrenalin verraucht. Innerlich sehe ich mich meine Bretter schon selbst schnitzen. Mit hängenden Schultern suche ich den Weg zur Toilette.

 Ein verhaltenes Räuspern hinter mir weckt mich aus meiner Lethargie. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen? “Trüge der junge Mann Flügel und ein Chor würde singen, würde ich denken, ich hätte eine Erscheinung. Zaghaft, fast schon ungläubig, reiche ich ihm meinen Zettel. Ernsthaft liest er sich alles durch, winkt mir, ihm zu folgen. Es folgt ein langer fachlicher Monolog seinerseits, während er mir alle benötigten Dinge aus den Regalen zaubert. "Sieh an", denkt sich mein malträtiertes Hirn, "habe ich doch hier die Perle erwischt."

Dreißig weitere Minuten später verlasse ich staunend und in meinen Grundfesten erschüttert den Baumarkt. Doch machen wir uns nicht vor, latent ist etwas Kummer in mir. Gerade wurde ich einem sehr hartnäckigen Vorurteil beraubt.

Weltoffen und tolerant, so gebe ich mich gern vor anderen. Die erschütternde Wahrheit: Es steckt ein mieser Kleingeist in mir: Ein Kerl mit großen Muskeln, Achselshirt und einem tiefergelegten Auto, das röhrt wie ein Hirsch zur Brunftzeit, weckt augenblicklich Bilder in mir von einer zu hohen Fistelstimme und zu kurzen Penissen. Nachgeprüft habe ich das allerdings nie.;)

Eine wasserstoffgefärbte Blondine, so frisch vom Solarium, dass ich das Brathähnchengewürz praktisch noch riechen kann, hat sicher nicht mehr funktionierende Hirnzellen als ein durchschnittlicher Kanten Brot.

Einen Mann mit dunklen Haaren und Vollbart stuft mein Gehirn grundlegend erst mal als potenziellen Terroristen ein.                                                                               Und mein Kopf ist voll davon: trinkende Russen, geizige Schwaben, frivole Französinnen, Engländer ohne Esskultur, Türken mit Kopftuch. Schweden kommen alle groß und blond auf die Welt. Amerikaner bestehen zu einer Bevölkerungshälfte aus Fett, zur anderen aus Silikon. Sehe ich einen Roma, halte ich mein Geld immer etwas fester zusammen. Und wir alle wissen doch, dass Farbige alle einen…                                                                                                                                              ..........ähm………                                                                                                                                              Bonus in ihrer biologischen Zusammensetzung haben. ;) ABER damit kann ich prima leben, kommt man sich doch aufgrund all dieser „Tatsachen“ nur noch halb so durchschnittlich vor. Viel schlimmer ist es, wenn ich Gefahr laufe, all dieser schönen Vorurteile beraubt zu werden. Was ist, wenn der schnöselige Typ im Anzug, sich plötzlich als super Mensch entpuppt, mit dem man Pferde stehlen und Bier trinken kann?

Treffe ich eine junge Frau: langbeinig, schön, natürlich, gut gelaunt, mit Geld. Bäh!! Was ist, wenn sie jetzt auch noch klug ist? Ganz klar, ich werde es nie erfahren. Mein Selbstschutzmechanismus setzt ein und ich gehe stiften, bevor ich mir den Tag damit versaue. Denn wie lautet eine alte Lebensweisheit? Zu viel Perfektion weckt Aggression.

Wo kommen wir denn hin, wenn sich alle Menschen ihren Erfolg plötzlich erarbeitet hätten, anstatt reiche Eltern zu haben? Und Frauen ihre Geldrentner tatsächlich lieben würden? Wenn meine Schlange an der Kasse nicht mehr die langsamste ist? Oder man in Köln vernünftiges Bier trinken könnte?

Die Welt wäre in ihren Grundfesten erschüttert und langweilig noch dazu!!

 

 

Menschen wie du und ich
Seifenreste Verwertung

Kommentare