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Leben in Momenten (von großen, fiesen,kleinen und den besonderen)
18.08.2013 20:13

Vor ein paar Tagen, als ich mal wieder in der S-Bahn saß, fiel mir auf, dass sich mein Leben im Großen und Ganzen in diese vier Kategorien einteilen lässt, alles andere ist schmückendes Beiwerk. Und wenn ihr darüber nachdenkt, wird es bei euch wohl ähnlich sein.

 

Die großen Momente zeichnen sich immer durch eine riesige Flut von Fotos und gern auch verwackelten Videoaufnahmen aus. Begleitet von jeder Menge Handshakes, Knochenbrecherumarmungen, feuchten Küssen auf die Wange, ein-zwei Kullertränchen der Freude und Menschen, die man nur auf solchen Veranstaltungen sieht. Gemeint sind Hochzeiten, Taufen, bestandene Prüfungen, Zertifikationen und Preisverleihungen, von mir aus auch Omas 70ster. Wochenlang bestimmt die Vorbereitung das Leben, und der Tag selbst rennt dann einfach an einem vorbei. Meistens kriegt man zu wenig vom Essen, weil einem die Aufregung auf den Magen schlägt (das allerdings passiert mir nie) oder man schlicht keine Zeit dazu hat (das ist leider jedes Mal der Fall). Um dann hinterher mitreden zu können, ob der Tag wirklich toll war, hat man glücklicherweise die Fotos, um die Erinnerung aufzufrischen. Ich kenne genügend Bekannte, bei denen die Erinnerung anhand der Fotos, dann auch etwas aufpoliert wird. Schließlich lächeln doch immer alle auf den Bildern, also war es auch perfekt. Na klar... ;)

Die fiesen Momente kennen wir auch alle zur Genüge. Damit meine ich nicht die großen Katastrophen des Lebens, eher die kleinen Bösartigkeiten des Alltags, die einen so eiskalt erwischen. Und glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede, ich führe die „Fettnäpfchenparade“ an. Gibt es eine Treppe hochzufallen- ich bin dabei. Reden, ohne nachzudenken- eigentlich immer, ich trage mein Herz auf der Zunge. Ich backe Kuchen mit Salz, anstatt Zucker, befülle die Kaffeemaschine mit Mehl, setze Räume unter Wasser, erwische grundsätzlich die langsamste Kasse und die ungepflegten Menschen in der Bahn, haben es ausgerechnet immer auf den Platz neben mir abgesehen. Worte, die ich mir in langen, qualvollen Stunden zurechtgelegt habe, sind verschwunden, sobald ich sie aussprechen möchte. Neidisch bestaune ich immer die Frauen mit kurzen Röcken. Wie machen die das? Sitzen die den ganzen Tag in der Ecke und hoffen nicht kaputtzugehen? Meine Beine hingegen sind immer übersäht mit blauen Flecken, ich befürchte, ich habe lieber Spaß als makellos zu sein.Problematisch immer dann, wenn man irgendwo eingeladen ist und einen die Leute mitleidig anstarren, weil man so aussieht, als wäre unkontrolliert aus 10 Metern Höhe gesprungen.

Oder kennt ihr diese „Drückerfraktion“- Mensch? Ihr habt euch dreimal an der Bushaltestelle gesehen oder bei Aldi an der Kasse, und plötzlich, ganz ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund, fallen sie dir zur Begrüßung um den Hals. Warum denn das, um Himmels willen? Kennen die den Begriff „Wohlfühlabstand“ nicht? Mir ist er sowohl bekannt, als auch sympathisch. Zugegeben ich sende wohl hin und wieder die falschen Signale aus. Aber ich unterhalte mich mit Leuten gern und generell so, als ob wir uns schon Jahre kennen. Ich mag nicht dieses steife Geplänkel beim Kennenlernen. Lächeln und drauflosquatschen lautet meine Devise. Nur Umarmungen von "Bekannten"mag ich nicht. Ich weiß, ich werde deswegen gern mal für spröde gehalten. Ich hingegen fühle mich zur Abwechslung mal ausgesprochen erwachsen, weil ich die Spreu vom Weizen trenne. Meine Freunde wissen es zu schätzen, bedeutet eine Umarmung für mich doch echte Zuneigung und ein „dich mag ich wirklich“, damit schmeiße ich nicht wahllos um mich.

Die kleinen Momente sind einfach die, die jedem Tag zu eigener Schönheit verhelfen. Ich fürchte, ich bin da simple gestrickt: Mir geht es schon beim Marmelade kochen ausgesprochen gut. Sommerregen, Barfußlaufen, ein toller Song, ein gut gemachtes Kotelett, das alles macht mich glücklich. Ein Strauß Blumen von der Wiese - das Hochgefühl schlechthin. Wenn sich ein Schmetterling auf meine Schulter setzt. Kann ja sein, er hält mich für eine duftende Rose.  (Die gleiche Situation bei einer Schmeißfliege empfinde ich als nicht ganz so großes Kompliment. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wofür die mich hält.)

Morgens einen warmen Kaffee trinken, ohne Störung und nicht erst auf den letzten Drücker, wenn man schon fast zur Tür raus ist. Morgens überhaupt einen Kaffee trinken. :) Die Liste lässt sich endlos fortsetzen: raschelnde Laubhaufen, eine Schaukel, ein Konzert, milde Sommernächte, ein gutes Buch, ein Witz, der so schräg ist, dass man ihn nie mehr vergisst…… Jeder hat so das, was ihn glücklich macht. Nur Vergessen sich auch darauf zu besinnen, sollte man nie.

Und zum Schluss die besonderen Momente. Zugegeben, barfuß in eine Nacktschnecke zu treten ist auch jedes Mal ein besonderer Moment. ;)

Na gut, ernsthaft: Diese Kategorie zeichnet sich damit aus, dass man absolut nie Fotos davon braucht. Man hat die Bilder im Kopf, klar und in allen Einzelheiten. Sie sind abrufbar oder kommen einfach in ruhigen Momenten. Man ist dabei melancholisch, verträumt, sehnsuchtsvoll oder lacht in sich hinein (kommt immer gut in öffentlichen Verkehrsmitteln ). Aber Fakt ist, diese Momente gehören einem und irgendwie gehört man auch ihnen. Ich habe Bilder im Kopf von Lagerfeuerabenden mit Freunden, Sonnenuntergängen, Konzertbesuchen, Gesprächsfetzen und Gesichtern. Von Menschen, die mein Leben täglich bereichern und von denen, die aus meinem Leben verschwunden sind. Und auch wenn sich die Tatsache nicht mehr ändern lässt, so habe ich Erinnerungen von ihnen, die mir heilig sind und auf die ich nie verzichten möchte.

Ein Moment zum Festhalten ist ebenfalls, wenn man einen Menschen kennen lernt, bei dem die Chemie stimmt. Man lacht über die gleichen Witze, weiß was der andere denkt,entdeckt verblüffende Gemeinsamkeiten, mit einem Blick, kann man die Sätze des anderen beenden. Freut sich darauf, ihn wiederzusehen. Und noch wichtiger, es interessiert einen, was dieser jemand wohl als nächstes von sich geben wird. Kurz man stammt vom selben Volk. Das kommt im Leben einfach nicht oft vor, auch wenn man täglich netten Erdenbewohnern über den Weg läuft. Egal ob tendenzielle Beziehung oder Freundschaft, das ist etwas, das man niemals achtlos an einem vorüber ziehen lassen sollte. Wer weiß, wann man so jemanden wieder trifft.

Einzigartig ist es auch, wenn ich ein Musiktitel spiele und er zum ersten Mal so klingt, wie ich mir das vorstelle. Ich höre einen Song und denke: „Ja, das will ich auch“, und sofort nimmt mein Gehirn das Stück Note für Note auseinander. Das ging mir erst wieder so bei „The Only Night“ von James Morrison. Und auch bei „Same Love“ von Macklemore- ein toller Titel geschrieben in Es-Dur, mit halb angespielten Tönen und einer wirklich schönen Grundmelodie. (Zugegeben, beim Rappen bin ich talentfrei, das will wirklich niemand hören, deshalb beschränke ich mich auf den Refrain. Aber wenn darin jemand gut ist.......Freiwillige vor!!) Und wenn ich ihn dann zum ersten Mal spiele, gefällt er mir noch lange nicht. Also gehöre ich zu der Sorte Mensch, die einen Song auswendig können wollen, deswegen stundenlang üben und dann aufpassen müssen, nicht durch ihn hindurchzurasen. (Ein zweifelhaftes Talent, mit dem ich meinen Klavierlehrer schon vor etlichen Jahren an den Rand der Verzweiflung gebracht habe!)  Und die blöde Umblätterei entfällt dann auch. Und immerhin, ich erinnere mich an jeden Augenblick und jeden Song, bei dem das erste Mal rundum alles gestimmt hat.

Fazit des Tages: Ich liebe jeden Moment! ( Im Nachhinein manchmal sogar die fiesen, kleinen ;) )

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