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Ja
Die Sache mit den Komplimenten
29.01.2015 21:01
  • Von einem guten Kompliment kann ich zwei Monate leben ( Mark Twain)

Und das kann ich wirklich!! Das tolle Gefühl, wenn dein Gegenüber erkennt, wie viel von dir selbst in einer Sache steckt und das es ohne Wenn und Aber gut ist.

 

Wenn ich über meine Freunde nachdenke, dann habe ich zu jedem Einzelnen sofort und immer eine Menge gute Eigenschaften parat. Ich will gar nicht abstreiten, dass ich da ein wenig voreingenommen bin, weil sie eben meine Freunde sind, nicht wahr? Aber warum sagt man es den Leuten so selten? Gute Eigenschaften sollten doch gelobt und hervorgehoben werden. Oft hat man ja das Gefühl, man macht sich lächerlich, wenn man anderen ein Kompliment macht, und zur Gewohnheit werden, sollte es ja auch nicht. Aber gerade die, die immer für einen da sind, vernachlässigt man damit. Oft denkt man auch, dass sie es ja ohnehin wissen. Im Grunde hat ein liebes Wort ja noch keinem geschadet aber vielleicht einen Tag gerettet??!

Fragt man nämlich jeden Einzelnen für sich, dann sagen sie nicht, dass sie zwei Wochen die Blumen beim Nachbarn gegossen haben oder jemanden den Weg erklärt haben, obwohl sie es so eilig hatten. Meist fallen ihnen negative Dinge ein- sie müssten abnehmen, netter werden, öfter gesund kochen, mehr mit ihren Kindern spielen, engagierter im Job sein…..

In den eigenen Augen macht man sich immer winzig, eine Selbsteinschätzung von mir, würde folgender maßen lauten: Ich habe Hasenzähne, irgendetwas tummelt sich auf meinem Kopf und will mal eine Frisur werden, wenn es groß ist. Ich bin recht handlich ( will sagen klein) und ich sage oft, was ich denke, leider verpacke ich es häufig zu nett….

 

Zu Punkt 1: Meine Freunde sagen immer “Was wäre unsere Karin ohne ihre Hasenzähne?“ Diese (eigentlich rein rhetorische) Frage beantworte ich sofort: Einen ganzen Schlag attraktiver!! Hatte ich doch letzten einen Kunden, der meinte, so eine nette Blondine mit solch süßen (???) Zähnchen gehört eigentlich nach Hollywood. Lang und breit durfte ich mir anhören, wie toll er sie doch findet und dass er in seiner Jugend auch solche Beißerchen hatte. Pure Seelenqual. Als würde dir jemand sagen, deine Segelohren stehen so charmant ab oder das es erotisch ist, wie sich deine große Zehe durch deine Socke bohrt. Manche Komplimente gelten als fragwürdig oder sollten Ausfuhrkontrollen unterliegen. So meinte vor Jahren eine Bekannte, Kinder würden mich so gern mögen, weil sie es toll finden, wenn man viel Zähne sieht. An der Aussage habe ich heute noch zu knabbern …

 

 

Punkt 2: Meine Haare. Farbe Typ straßenköterblond. Fatalerweise entsprechen sie meinem Charakter - trotz Dranrumgemurkse bleibt alles beim Alten. Wir leben in respektvoller Koexistenz. Egal wie, ich kann, kämen, bürsten, eindrehen, föhnen, flechten, pflegen, schneiden, mit 3-Wetter-Taft einbetonieren- am Ende sind es wieder einfach nur Haare. Was bei Frau Van der Leyen aussieht wie ein frisch gegossener Stahlhelm und bei Heidi Klum in perfekten windgelegten Wellen daherkommt, geht bei mir in Revolution über. Rege ich mich auf, tarnen sie sich als Stachelschein, bin ich müde, sind sie es ebenfalls. Bin ich mal wieder besonders hibbelig, kann man denken, ich hab die Heizdecke verführt.

Tatsächlich sehe sie am besten aus, wenn ich in den Regen gekommen bin und das, liebe Freunde, finde ich zum Schieflachen. Daher sieht man mich selten mit Schirm und kein Tropfen verhagelt mir die Laune  ;)

 

Punkt 3: Zwei Säcke Zement verteilt auf die Schulterhöhe eines Eisbären - oder 1,58m und 52kg. Nichtimposant, nicht Angst einflößend aber auch nicht traumatisierend. Das Problem ist wohl, ich trage gern hohe Schuhe, Tatsächlich nicht, weil ich mich zu klein finde, sondern weil ich denke, für Frauen gehört sich das so. Habe ich dann aber mal keine Schuhe an, kommt unweigerlich der echt blöde Satz „Sag mal, warst du schon immer so klein“. „Nein“, lautet dann meine Antwort, „ich bin großer Peter Maffay Fan und daher rutsche ich aus reiner Solidarität auf Knien durch die Gegend.“ Hätte ich für jedes einzelne verdammte Mal, wo mir diese behämmerte Frage gestellt wurde, 10 Cent bekommen, wäre ich reich und könnte mir kleinere Zähne leisten.

 

 

Punkt 4: Ja, ich bin nett und viel schlimmer, ich bin es gerne. Ich liebe es Menschen eine Freude zu machen, sie zu überraschen oder einfach zu helfen, wann immer es mir möglich ist. Tatsächlich halte ich das für die beste Eigenschaft bei einem Menschen überhaupt. Außerdem bin ich manchmal naiv, vertrauensselig und leider so gar nicht verschlagen. Selbst wenn mich jemand maßlos enttäuscht, sage ich lieber gar nix mehr, als ihm den Kopf zurechtzurücken. Wie oft habe ich in stillen Momenten von großen dramatischen Auftritten geträumt - und von eben solchen Abgängen.. Von Leuten, denen ich so gründlich die Meinung sage, dass sie tatsächlich ihr Verhalten verändern, haben doch erst meine hehren Aussagen, Licht in ihr trübes Dasein gebracht. Menschen, die ich einfach stehen lasse, weil sie mir schlicht zu hohl sind.

Natürlich sind das dumme Klein-Mädchen-Fantastereien und in meinen überwiegend klaren Momenten, weiß ich, ich bin zu alt dafür. Also was mache ich? Ich gebe ihnen eine unverdiente Chance nach der anderen. Eine Charakter-Baustelle, an der ich tatsächlich mal arbeiten sollte. Glücklicherweise gibt es nicht zu viele solcher Menschen. Und machen wir uns nichts vor: Wenn der Moment kommt, in dem man am liebsten gar nichts mehr sagt, dann ist es Zeit zu gehen.
Abgesehen davon schätzt man sein Gegenüber manchmal falsch ein. Sicher habe ich  meinen ganz eigenen Fankreis, der mich ebenso hohl findet. ;)

 

Ein Kompliment, was ich häufig von meiner Mutter bekomme: Ich hätte Augen wie Athene die Eulengöttin oder einen Nixenblick und das Lächeln einer Sphinx. Das Erstaunlichste an der derlei Aussagen ist, sie meint das tatsächlich ernst. Nun wollte ich das mal genauer wissen und habe mich vor den Spiegel gestellt. Leute, wenn euch eure unwissende Unschuld wichtig ist, tut es nicht. Entweder sieht man aus, als hätte man was im Auge oder man wirkt lüstern. Und niemand, wirklich niemand sollte sich selbst mit lüsternem Blick sehen.

 

Allen um einen herum aber, ist es doch schnuppe, ob du und dein Gebiss groß oder klein sind und ob deine Haare anderer Meinung sind als du. Wenn sie deine Freunde sind, wissen sie dich zu schätzen und finden deine Macken schlicht entzückend.

Was bleibt ist die Aussage: Sagt den Menschen in eurer Umgebung einfach mal, wie toll sie sind, sie haben es ganz bestimmt verdient und sie sind niemals selbstverständlich.

Die Siezgelegenheit
Menschen wie du und ich

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